Mutter und Kind laufen Hand ind Hand auf einer Straße
Kinder vertrauen ihren Eltern blind - was aber, wenn dieses Vertrauen irgendwann enttäuscht wird? Bild © Colourbox.de

Wer Vertrauen missbraucht, zerstört die Basis der Beziehung - zurück bleibt ein Gefühl tiefster Enttäuschung. Wie gewinnt man verlorenes Vertrauen zurück? Ein Interview.

hr4.de: Wenn ein Mensch unser Vertrauen enttäuscht, bricht für uns oft eine Welt zusammen. Warum tut zerstörtes Vertrauen so weh?

Dr. Beate Weingardt: Zum einen, weil jeder Mensch, dem wir vertrauen, eine Stütze in unserem Leben ist, die uns Halt gibt - die fällt dann erst einmal weg. Zum anderen, weil wir uns die Frage stellen, warum wir es dem anderen nicht wert waren, dass er unser Vertrauen würdigt, dass er es nicht enttäuscht.

hr4.de: Gerade wenn der Vertrauensverlust groß ist, wie kann Vertrauen wieder zurück gewonnen werden?

Dr. Beate Weingardt: Zunächst mal, indem ich versuche, Gründe zu finden, warum der andere sich so verhalten hat – manchmal ist es ja vielleicht auch nur Gedankenlosigkeit oder keine Absicht. Zum anderen wäre es natürlich schön, wenn wir eine Erklärung vom anderen bekommen würden, wieso er sich so verhalten hat. Der Königsweg wäre, wenn wir eine Art von Entschuldigung bekämen, wenn es der andere auch so sieht, dass er unser Vertrauen enttäuscht hat – das wäre wirklich die Krönung.

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Was mache ich, wenn…

…ich enttäuscht wurde

  • Gründe finden: Warum hat der andere sich so verhalten
  • Nicht misstrauisch sein, besser vorsichtig
  • Dem anderen eine Chance geben
  • Sich Zeit nehmen
  • Verzeihen ist nicht gleich vertrauen

… ich jemanden enttäuscht habe

  • Vertrauen wieder erarbeiten
  • Das eigene Verhalten erklären
  • Entschuldigen
  • Zuverlässig sein
  • Dem anderen Zeit geben
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hr4.de: Reicht eine Entschuldigung aus? Was kann denn derjenige tun, der den anderen enttäuscht hat?

Dr. Beate Weingardt
Dr. Beate Weingardt Bild © Privat

Dr. Beate Weingardt: Er müsste im Grunde versuchen, sich das Vertrauen wieder zu erarbeiten, indem er darauf achtet, zuverlässig zu sein und eben keinen weiteren Grund mehr zu bieten, dass man ihm misstraut. Das ist schon eine Anstrengung, die da gefordert ist. Zum Beispiel: ich habe jemanden dabei ertappt, dass er mich belogen hat. Ich meine, das ist ja klar, dass derjenige das in Zukunft nicht mehr tun sollte, denn mit jeder weiteren Lüge wird mein Vertrauen ja noch mehr zerstört. Von daher ist es schon wichtig, dass derjenige, der das Vertrauen missbraucht hat, kapiert: ich muss mich jetzt bewähren und zeigen, dass ich das Vertrauen wiedergewinnen möchte. Sonst kann sich da nichts mehr entwickeln.

hr4.de: Wenn das Vertrauen einmal enttäuscht wurde, sind wir ja häufig extrem misstrauisch. Ist das die richtige Haltung?

Dr. Beate Weingardt: Im Grunde erst mal schon, denn das ist ja ein Selbstschutz: Ich will nicht wieder verletzt werden. Aber ich würde das Wort misstrauisch gerne ersetzen durch das Wort vorsichtig. Mit Menschen, die uns enttäuscht haben, sollten wir vorsichtig sein, aber ihnen nicht für alle Zeiten das Vertrauen entziehen.

Zitat
„Wenn man im Misstrauen verharrt, dann wird man irgendwann sehr einsam, weil niemand mehr übrig bleibt.“ Zitat von Dr. Beate Weingardt
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Es könnte ja sein, dass es nur ein Missverständnis war, dass der andere gar nicht merkte, dass er uns enttäuscht hat. Man darf da nicht zu radikal sein - und wie gesagt, Vorsicht bedeutet, ich gebe dir in kleinen Dingen wieder eine Chance und dann kann ich das ja langsam wieder auf wichtigere Dinge ausdehnen.

hr4.de: Verzeihen ist wichtig, sagen Sie. Was ist, wenn ich aber das Gefühl habe, ich kann dem anderen gar nicht verzeihen?

Dr. Beate Weingardt: Ein Grund könnte sein, dass ich einfach noch Zeit brauche. Verzeihen ist etwas, was man nicht übers Knie brechen kann, was einfach auch viel innere Arbeit erfordert. Man muss das ja erst mal verdauen. Aber es kann natürlich auch sein, dass es ein Hindernis gibt, das den Enttäuschten daran hindert, wieder zu verzeihen und zu vertrauen und dass er dieses Hindernis nicht alleine aus dem Weg räumen kann. Da würde ich ganz dringend raten, dass man irgendeinen Menschen dazu zieht und mit dem gemeinsam den Grund sucht, warum man sich so schwer tut, zu verzeihen.

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Unsere Expertin

Dr. Beate Weingardt
Theologin und Diplom-Psychologin
Tübingen
Ihr Buch: "Das verzeihe ich Dir (nie)! - Kränkungen überwinden, Beziehungen erneuern"

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Nicht jedes Verzeihen bedeutet, dass ich auch gleich wieder vertrauen kann. Verzeihen ist das eine, aber Vertrauen muss dann langsam wieder wachsen und das kann auch nicht immer wachsen. Es gibt Menschen, denen habe ich verziehen, aber ich würde ihnen nicht mehr viel Vertrauen schenken.

hr4.de: Welcher Vertrauensbruch ist am schwierigsten zu bewältigen?

Dr. Beate Weingardt: Je mehr Herzblut man in jemanden investiert hat, je mehr Gefühle im Spiel sind, desto schwieriger wird es, einen Vertrauensbruch zu verzeihen. Man kann sagen, je näher mir jemand steht, desto tiefer getroffen bin ich, wenn das Vertrauen aus meiner Sicht enttäuscht wurde. Ob es der andere auch so sieht, ist ja immer eine andere Frage

hr4.de: Wann ist es empfehlenswert, eine Beziehung zu beenden?

Dr. Beate Weingardt: Wenn ich die Erfahrung mache, dass mein Verzeihen oder mein neu vertrauen ausgenutzt wird. Wenn ich also beim anderen keine Veränderung bemerke, sondern eher den Eindruck habe: er verletzt mich wieder, weil ich mich ihm angenähert habe.

Es gibt Menschen, die können mit dem Geschenk des Vergebens und des Vertrauens einfach nicht gut umgehen und da würde ich dann sagen: Beziehung beenden, beziehungsweise so viel Abstand reinbringen, dass der andere uns nicht mehr verletzen kann.

hr4.de: Gibt es einen Punkt, an dem enttäuschtes Vertrauen nicht wieder neu gewonnen werden kann?

Dr. Beate Weingardt: Nein, es ist wirklich erstaunlich, was man alles verzeihen und wieder vertrauen kann, aber es setzt eben voraus, dass ich beim anderen eine Vertrauenswürdigkeit wahrnehme und das ist der entscheidende Punkt: Erweist sich der andere in meinen Augen wieder als vertrauenswürdig, oder sehe ich nur Anzeichen dafür, dass er es nicht ist und niemals sein wird. Das ist unsere Entscheidung.

hr4.de: Sollte man versuchen, jede Beziehung zu erneuern und so auf ein neues Vertrauensverhältnis zu stellen?

Dr. Beate Weingardt: Das kommt drauf an, wie eng verbunden man mit dem Menschen ist. Man muss sich eines klar machen: Familienangehörige kann man nicht einfach auf den Mond schießen, die sind in irgendeiner Weise ein Teil unseres Lebens. Da würde ich schon drum kämpfen, dass es nicht zu einem endgültig zerstörten Vertrauen kommt - wenn irgendwie möglich.

Bei Menschen, die später in unser Leben treten, Freunde oder Bekannte, ist es leichter zu sagen, wir haben einen Teil oder eine Zeitabschnitt miteinander verbracht, aber der ist jetzt zu Ende. Bei Familie würde ich mehr Bemühen empfehlen. Da ist einfach schlimm, wenn man da den anderen für immer verurteilt und nichts mehr mit ihm zu tun haben will.

hr4.de: Warum ist es gerade bei Familienmitgliedern so wichtig?

Dr. Beate Weingardt: Zum einen, weil es unsere Wurzeln sind. Mit keinem Menschen verbinden wir mehr Zeit und Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, als mit Familienangehörigen. Und zum anderen, weil man sich nicht wirklich ignorieren kann. Spätestens bei Beerdigungen, wenn die Eltern sterben oder sonst jemand, trifft man sich wieder. Und es ist furchtbar, wenn Menschen sich dann gegenseitig nicht mehr die Hand geben können und einfach den Kontakt abgebrochen haben. Das ist für alle Seiten eine Quälerei.

Und da komme ich schon zu dem Punkt, Verzeihen tut man für sich, man gibt sich selbst die Chance, in Frieden mit dem anderen umzugehen. Was aber nicht heißt, dass die alte Verbundenheit, die alte Nähe, das alte Vertrauen wieder da ist. das muss man lernen, auseinanderzuhalten. Ich verzeih dir, aber das ist nicht so wie früher miteinander.

Sendung: hr4, hr4 am Morgen, 28.10.2018, 10:00 Uhr

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