Straßenbahn in Frankfurt

Bus und Bahn fahren ohne Fahrkarte - Aschaffenburg führt den ticketfreien Samstag ein. Für welche hessischen Städten wäre das interessant? Und kann so eine Maßnahme die Schadstoffbelastung reduzieren? Wir haben den Kasseler Nahverkehrs-Berater Matthias Schmechtig gefragt.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mathias Schmechtig: "Kostenfreie Angebote sprechen nur einen Teil der Nutzer positiv an"

Niederflur-Straßenbahnen auf der Wilhelmshöher Allee in Kassel - im Hintergrund der Herkules
Ende des Audiobeitrags

Auch in Hessen drohen Dieselfahrverbote, die Feinstaubbelastung in den Städten steigt und vielerorts verstopft das hohe Verkehrsaufkommen Einfallstraßen und Schleichwege. In Kleinstädten kämpfen die Innenstädte mit Leerstand und der Abwanderung der Kaufkraft. Da erscheint es sinnvoll, dass Städte wie Tübingen, Fürth oder Aschaffenburg einen 'Vorschlag zur Verbesserung der Luftqualität' der Bundesregierung testen: das Bus- und Bahnfahren kostenlos anzubieten. Kann so eine Maßnahme den Autoverkehr reduzieren? Und wenn ja, für welche hessischen Städte käme so eine Maßnahme in Frage? Mathias Schmechtig ist selbstständiger Verkehrsplaner, er plant und berät im Öffentlichen Nahverkehr. Seine Einschätzung: von Freifahrten an bestimmten Tagen profitierten nur wenige, sinnvoller sei es, in die Infrastruktur des ÖPNV zu investieren.

hr4.de: Kein Ticket am Samstag - wie in Aschaffenburg - ist das ein Trend, der sich ausweitet oder ist es nur auf wenige Städte begrenzt?

Mathias Schmechtig: Ob es ein Trend ist, kann man natürlich jetzt noch nicht beantworten Die Bundesregierung hatte das Anfang des Jahres als eine mögliche Maßnahme aufgerufen, um mit den Schadstoffbelastungen in den Städten besser klarzukommen und Fahrverbote zu verhindern. Es wurden Städte genannt, die sich dann aber grundsätzlich erst mal dagegen entschieden haben. Andere Städte haben es aufgerufen. Die ersten probieren es aus, aber man kann es pro oder contra sehen.

 hr4.de: Würde ein kostenloser Samstag auch in Hessen Sinn machen?

Mathias Schmechtig: Ich glaube das muss jede Stadt anhand der Rahmenbedingungen für sich selber entscheiden. Eine wesentliche Rahmenbedingung ist, ob die ÖPNV-Angebote, also die Busse und Bahnen, überhaupt noch die Leistungsreserve haben, mehr Fahrgäste aufzunehmen.

Mathias Schmechtig

Wenn die Bahnen heute schon voll sind - auch am Samstag, dann hat man natürlich Sprungkosten und muss den ÖPNV mit öffentlichem Geld finanzieren. Das zweite ist, wenn heute viele Menschen mit Einzelfahrscheinen fahren, also Barzahler sind, dann fehlen natürlich die Einnahmen am Samstag, die ausgeglichen werden müssen. Das haben die Aschaffenburger kalkuliert und wissen, wie viel sie dafür ausgeben müssen.

hr4.de: Nehmen wir mal das Beispiel Kassel, wäre das hier sinnvoll oder gibt es andere Varianten, den Fahrgästen entgegenzukommen?

Mathias Schmechtig: Kostenfreie Angebote sprechen nur einen Teil der Nutzer positiv an, denn viele haben ja eine Jahreskarte, ein Semesterticket, ein Hessen Ticket. Die von außen kommen, haben ein anderes Ticket und können daran nicht partizipieren. Man kann natürlich einen gewissen Nutzerkreis ansprechen. Die, die heute gar nicht samstags in die Stadt fahren, selten in die Stadt fahren, mit dem Auto fahren, die sagen ‚oh wir wären dadurch animiert und nutzen dieses Angebot‘, aber der Kreis derer ist relativ gering. Es ist besser, die Mittel, die man für so ein kostenloses Ticket aufwenden muss, in die Infrastruktur, in bessere Haltestellen, neue Straßenbahnstrecken - im Beispiel Kassel vielleicht nach Harleshausen - oder das Angebot, abends länger zu fahren, zu investieren, weil so der Nutzen größer ist und mehr Bürger davon etwas haben.

hr4.de: Was ist mit Städten wie Frankfurt, Gießen oder Marburg - gibt es eine Stadt, für die ein solches Angebot ideal ist?

Mathias Schmechtig: Frankfurt ist schon unter der Woche am Rande der Leistungsfähigkeit.  Der Verkehr steigt dort ständig, die Pendlerzahlen steigen, da kann ich mir die Situation ‚kostenlos‘ gar nicht vorstellen. Anders in Klein- und Mittelstädten, indem man sagt: wir machen gemeinsam etwas, um den Einzelhandel anzukurbeln, um etwas für die Innenstadt zu tun. Zum Beispiel: am ersten Samstag im Monat machen wir den Stadtbus kostenlos und die Einzelhändler ziehen mit und bieten Aktionen und verlängerte Öffnungszeiten an. Die Auswirkungen hinsichtlich einer Einsparung von Schadstoffen schätze ich relativ gering ein. Das wird irgendwo im Bereich unter einem Prozentpunkt liegen, was man da an Autoverkehr einsparen kann. 

Da sehe ich die kleineren Mittelstädte - zum Beispiel Eschwege, Bad Hersfeld oder Korbach in Nordhessen. In diesem Stadtbereich könnte ich mir das eher vorstellen, als in den großen Städten. Weil dort die Systeme auch in der Regel gut ausgelastet sind.

hr4.de: Lohnt es sich, in Großstädten nur die innerstädtischen Haltestellen zum Hin- und Herfahren kostenlos anzubieten?

Mathias Schmechtig: Das macht nur in Städten mit einer sehr, sehr großen Fußgängerzone Sinn, kann aber auch negative Auswirkungen haben. Zum Beispiel dass Menschen mit dem Auto in innenstadtnahe Wohngebiete fahren und von dort dann mit Bussen und Bahnen in die Innenstadt und die Wohngebiete zuparken. Insgesamt können auch hier wieder nur sehr wenige Menschen daran partizipieren. Und die Kontrolle muss sehr stark sein. So eine Regelung animiert viele dazu, es zu unterlaufen. Man muss also dann am Wochenende mehr Personal einsetzen, um das zu kontrollieren.

Sendung: hr4, Britta am Vormittag, 30.11.2018, 12:15 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit