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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dr. Markus Schimmelpfennig mit Antworten auf Ihre Corona-Fragen

Corona-Virus auf einer Hand mit Gummihandschuh

Was tun gegen das Corona-Virus? Spüli und Seife benutzen, sich an die Regeln halten und Ruhe bewahren - das sind die Empfehlungen von Dr. Markus Schimmelpfennig.

hr4: Es gibt so viele unterschiedliche Zahlen - zum einem vom Robert-Koch-Institut, aber auch von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Oder der Johns Hopkins University aus Baltimore. Woran liegt das?

Dr. Markus Schimmelpfennig: Das liegt daran, dass die Updates zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt werden. Die Johns Hopkins University aus Baltimore aktualisiert täglich mehrfach und RKI und die WHO eben nur einmal täglich.

Warum sind vor allem in Italien so viele Menschen betroffen?

Das kann weder ich Ihnen erklären, noch andere Experten, die sich damit beschäftigen. Wir haben in Italien und in China die höchsten kommunizierten Sterberaten. Aber warum das in diesen beiden Ländern ausgerechnet so ist, das weiß eigentlich keiner.

Die Bevölkerung ist im Umgang mit dem Virus uneins. Die einen sagen, das ist Panikmache, andere merken, dass es ernst wird. Wie würden Sie die Lage einschätzen?

Man muss sich klarmachen, dass die Bevölkerung generell dazu neigt, eine neue Gefahr höher einzuschätzen als Alltagsgefahren, an die man gewöhnt ist. Wir haben bisher 28 Tote in Deutschland. An der Grippe sind dieses Jahr in Deutschland schon fast die zehnfache Menge von Menschen verstorben. Darüber redet kein Mensch. Ich sage das nicht, um es zu verharmlosen, sondern um zu sagen: ein Risiko muss man immer in Beziehung zu anderen Risiken sehen, damit man es bewerten kann. Und so ist es auch bei Corona. Corona ist eine Infektion und verläuft im Prinzip wie eine Grippe, nur dass sie offensichtlich ungefähr drei Mal leichter übertragbar ist und eine höhere Komplikationsrate und auch eine erhöhte Sterblichkeit hat. Bei der Grippe haben wir ungefähr einen Toten auf tausend Erkrankte, bei Corona liegen wir in Deutschland bei drei Toten auf tausend Erkrankte. Was wir fürchten: Dass sich ein Großteil der Bevölkerung infiziert und deswegen das Gesundheitswesen überfordert wird. Aber man muss sagen: Corona unterscheidet sich vom Verlauf her nicht wesentlich von einer schweren Grippe.

Muss man Türklinken, Oberflächen desinfizieren, wenn jemand aus dem direkten Umfeld erkältet ist?

Der Hauptübertragungsweg des Coronavirus ist der Face-to-Face-Kontakt, das heißt, wenn wir uns gegenüberstehen und nicht den Mindestabstand einhalten. Wenn wir uns dann anhusten oder anniesen und das einatmen. Der Übertragungsweg durch Kontaktflächen wie Türklinken, Fahrstuhlknöpfe etc. funktioniert. Aber es funktioniert nicht besonders leicht, weil das Virus relativ instabil ist. Offensichtlich ist eine relativ hohe Erregermenge erforderlich, um eine Infektion zu verursachen.

Es reicht - gerade im häuslichen Bereich - wenn ich Oberflächen ganz normal und gewissenhaft reinige. Das Virus spricht nämlich auf fettlösliche Substanzen wie Spüli und Neutralseife gut an. Man braucht nicht die ganze Wohnung zu desinfizieren, nur weil jemand erkältet ist. Spüli ist ein sogenanntes Tensid, das heißt, es spaltet Fette und damit wird das Virus umgebracht, weil es eine Hülle hat, die auf Fett basiert. Und wenn man die mit einem Fettlöser zerstört, ist das Virus tot.

Stimmt es, dass Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind, schlechter riechen und schmecken?

Ein Großteil der Patienten erleidet einen Geschmacks- und Geruchsverlust für mehrere Tage. Das kann man aber wieder nur als Hinweis, nicht als Beweis deuten. Denn: Wir leben in der Erkältungszeit. Ein Drittel der Bevölkerung ist auch in einem normalen Winter verschnupft und verrotzt. Und auch da sagt ja mancher Mensch: ich schmecke überhaupt nichts. Das heißt, die Symptome, die man bei einer Infektion hat, unterscheiden sich nur bedingt und nicht sicher unterscheidbar von einer gewöhnlichen Erkältung.

Wenn ich merke, ich kriege einen Schnupfen oder Husten - kann das eine Corona-Infektion sein? Was soll ich machen?

Sie können das von den klinischen Symptomen nicht sicher unterscheiden. Die Faustregel ist, wenn Sie aus einem Epedemiegebiet kommen. Österreich oder Italien beispielsweise und entwickeln dann Symptome, dann sollten Sie mittels Abstrich abklären, ob Sie eine solche Infektion haben. Das bitte nur nach vorheriger Absprache mit der 116 117. Und ansonsten werden Sie eher eine normale Erkältung haben. Dann beachten Sie die hygienisch sinnvollen Maßnahmen wie richtig Husten, richtig Niesen, die Hände oft waschen und Abstand halten zu ihren Mitmenschen von 1,5 bis zwei Meter. Interessante Zahlen dazu gibt es, wenn man viele Jahre zurückblickt. Da hat die amerikanische Marine mal einen Tagesbefehl rausgegeben auf ihren Kriegsschiffen, dass jeder Mann an Bord sich mindestens fünfmal am Tag die Hände zu waschen hat. Das war ein Befehl. Und aufgrund dieser Maßnahme ist die Summe der Atemwegserkrankungen auf den amerikanischen Kriegsschiffen um 50 Prozent runtergegangen. hr4:

Kann man denn ganz normal Gartenarbeiten draußen machen?

Das ist eine gute Methode. Sie kommen an die frische Luft. Sie können da keine Keime verbreiten, anders als in engen, geschlossenen Räumen. Sie tun, was sinnvoll ist, was Ihnen Freude macht. Absolut sinnvoll!

In China gibt offenbar keine Neuinfizierten. Können Sie sich das vorstellen?

Dass es gar keine Neuinfizierten geben soll, kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Aber richtig ist, dass es den Chinesen gelungen ist, die neuen Kurven drastisch abzuflachen und zwar genau durch die Maßnahmen, die jetzt auch bei uns im Lande gelten, nämlich Shutdown, also Abschottungspolitik, vermeidbare soziale Kontakte und das öffentliche Leben weitgehend lahmzulegen. Man muss auch sagen, dass diese Maßnahmen im Hinblick darauf, dass man auch weiß, wieviele Leute erkranken, sinnvoll. Und ich kann tatsächlich die Hörerinnen und Hörer nur bitten, die Spielregeln einzuhalten und das Ganze ernstzunehmen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen sich an eine Ausgangssperre halten?

Ich kann das hier in Kassel nicht gut überblicken. Wir machen ja kein Bewegungs-Tracking. Aber wenn die Leute unvernünftig sind und sogenannte Corona-Partys machen, sich lustig machen, dann muss der Staat noch stärkere Vorgaben machen. Traurig, wenn es so kommt. Aber unvermeidbar, wenn die Leute sich die nicht an die Regeln halten.

Mindestabstand im Supermarkt - das ist gar nicht einfach, einzuhalten. Was macht man, wenn sich Menschen dazwischen drängeln?

Es ist wie auf der Autobahn, wenn Sie Abstand halten, und dann drängelt sich einer dazwischen. Die Supermärkte reagieren mittlerweile. Es gibt Supermärkte, die mittlerweile nur noch begrenzte Zahl von Kunden gleichzeitig in den Laden lassen und das auch durch Security untermauern und durchsetzen

Mundschutz aus Stoff, den man bei 30 Grad waschen kann - bringt das was?

Nein, das funktioniert nicht. Also generell können Sie das Virus umbringen, wenn sie es bei 60 Grad oder wärmer waschen. Aber dass Sie das auch bei 30 Grad kaputtkriegen, darauf würde ich nicht sicher setzen.

Muss man beim Waschen von Putzlappen, Handtüchern und Unterwäsche etwas beachten?

Was mit 60 Grad gewaschen werden kann, sollte mit 60 Grad gewaschen werden. Die meisten Textilien, die unter 60 Grad gewaschen werden, werden trotzdem sauber sein, weil das Waschmittel Tenside enthält. Die meisten Waschmittel haben eine tenside Wirkung. Aber generell gilt einfach: häufiger und bei 60 Grad waschen.

Können Zeitungen kontaminiert sein?

Klare Antwort: die kann man unbedenklich weiterlesen. Eine andere Sache ist, wenn Sie Zeitschriften leihen oder irgendwo in der Öffentlichkeit lesen. Davon würde ich im Moment Abstand halten, weil die von vielen gelesen und angefasst werden und was gar nicht geht, ist die Blätter-Leck-Technik. Sie kennen das Finger, eine Zunge und dann umgeblättert. Das geht aktuell gar nicht. Aber ihre Tageszeitung können Sie unbedenklich lesen.

Ist es möglich, dass ein Corona Virus synthetisch hergestellt wurde, ob absichtlich oder nicht und dieser und über die ganze Welt erreicht hat?

Das halte ich für abwegig. Um das klar zu sagen: Coronaviren sind schon lange bekannt, und die mutieren auch. Einige verändern sich. Aber, dass einer das künstlich herstellt, um Menschen zu schädigen, halte ich für absurd. Alle Verschwörungstheorien würde ich verbuchen unter der Rubrik: grotesker Unsinn.

Sollten ältere Menschen - also ab 60 - wirklich zu Hause bleiben?

Statistisch gilt immer, dass man individuell ein sehr unterschiedliches biologisches Alter haben kann. Das heißt, der eine ist mit 60 so alt wie der 80-Jährige noch nicht. Aber Fakt ist: Menschen ab 60 gelten statistisch als erhöht gefährdet. Und für die müssten auch die nicht gefährdeten jungen Leute die Spielregeln einhalten, die das Gefühl haben: ich bin 20, mich geht das nichts an. Wir tragen Verantwortung für uns selbst, und wir tragen Verantwortung für unseren Mitmenschen.

Das heißt, auch junge Menschen sind gefährdet?

Die sind genauso gefährdet wie die ältere Generation, aber ich sage es noch mal jeder trägt Verantwortung dafür, dass er sich und seinen Mitmenschen schützt. Die Älteren und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für einen ernsthaften, schweren Verlauf.

Stichwort Desinfektionsmittel und Mundschutz - braucht das jeder?

Desinfektionsmittel sind im häuslichen Umfeld nicht zwingend erforderlich. Spüli reicht. Ein Mundschutz ist für bestimmte Menschen sinnvoll, zum Beispiel für die Kassiererin im Supermarkt, weil sie nahe beim Kunden sitzt, der sie anspricht. Und Man braucht sie in medizinischen Berufen. Und da gibt es zur Zeit einen Mangel.

Was würden Sie der Bevölkerung raten?

Nehmt die Sache ernst, haltet euch an die Spielregeln! Dann haben wir als Bevölkerung eine gute Chance, gut aus der Nummer rauszukommen. Und: den Politikern zuhören oder auch seriöse Informationsquellen benutzen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder auch das Robert-Koch-Institut. Und alles, was aus dem Internet kommt und nach Panikmache klingt, mit äußerstem Mißtrauen betrachten und begegnen.

Sendung: hr4, Britta am Vormittag, 19.03.2020, 10:00 Uhr

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