Ein Mann sitzt allein auf einer Bank

Nicht nur der Verlust eines Partners, sondern auch schlechte Erfahrungen mit der Gesellschaft lassen Menschen einsam werden. Einsamkeit ist auch Selbstschutz, sagt Janosch Schobin. Der Soziologe erklärt im Interview, was Rückzugskarrieren sind und wie man einsamen Menschen helfen kann.

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So können Sie Betroffenen helfen

  • Bewusst wissen: Einsamkeit bleibt oft unsichtbar
  • Den Grund für die Einsamkeit kennen: ist es ein Verlust oder eine Rückzugskarriere?
  • Bei Rückzugskarrieren: Vertrauensverhältnis aufbauen - erst verstehen, dann helfen
  • Bei Verlust: Dem Betroffenen Möglichkeiten zur Ablenkung bieten
  • Einsamkeit als eine menschliche Leistung anerkennen
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Warum gelingt es manchen Menschen trotzdem nicht aus der Einsamkeit raus zu kommen?

Dr. Janosch Schobin: Das ist ganz unterschiedlich. Man muss sich bei stark vereinsamten Menschen klar machen, dass das häufig Rückzugskarrieren sind. Die machen schlechte Erfahrungen mit dieser Gesellschaft und dann schränken sie ihren Kontakt ein, um sich selber zu schützen. Und das ist ein Mechanismus, der ist lebensdienlich, aber wenn das sich verselbständigt, wird es sehr schwer, da wieder rauszukommen.

Einsame Menschen sind im Durchschnitt viel misstrauischer. Sie machen sehr viele und sehr starke negative Erfahrungen mit ihren Mitmenschen, weil vieles durch die Brille gesehen wird: Oh, der will mir doch was Böses.

Für viele Leute ist Gesundheit auch ein Problem. Für die ist es überhaupt schwer, überhaupt vor die Tür zu kommen. Es gibt also sehr unterschiedliche Situationen, in denen Menschen aus ihrer Vereinsamung nicht mehr rauskommen.

Wer ist denn eher einsam? Ältere oder jüngere Menschen? Männer oder Frauen?

Dr. Janosch Schobin: Einsamkeit nimmt tatsächlich mit dem Alter zu und das hat ganz einfache Gründe: Menschen sterben und auch Beziehungsabbrüche wie Trennung oder Scheidung werden über eine lange Lebensphase wahrscheinlicher. Bei dem Geschlecht wird es richtig schwierig. Frauen sagen häufiger von sich, dass sie einsam sind. Tendenziell ist es so, dass Frauen es in unserer Gesellschaft leichter haben, Gefühle zu kommunizieren. Das heißt, es kann durchaus sein, dass mehr Männer einsam sind. Dafür sprechen würde zum Beispiel, dass viel mehr Männer von Amts wegen bestattet werden. Also auch niemanden mehr haben, der sie am Ende des Lebens bestatten möchte.

Wie kann ich als Außenstehender erkennen, ob ein Mensch einsam ist?

Zitat
„Bei uns ist das eher so: Einsamkeit, darüber spricht man lieber nicht, das verheimlicht man eher und dementsprechend wird es dann auch nicht offen kommuniziert.“ Zitat von Dr. Janosch Schobin
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Dr. Janosch Schobin: In Europa gibt es keine typischen, kommunizierten Anzeichen von Vereinsamung.  Manchmal ist es so etwas wie Verwahrlosung, das trifft aber nur auf einen ganz spezifischen Typus zu. In Lateinamerika zum Beispiel ist es viel üblicher, Einsamkeitsgefühle zu kommunizieren. Anders als bei uns ist dort Einsamkeit wenig stigmatisiert. Sagt man dort, man ist einsam, dann wird man unterstützt. Das ruft im Umfeld positive Reaktionen hervor.

Welche Strategien gibt es gegen die Einsamkeit? Hilft es, sich vor allem auch mit den Vorteilen des Alleinseins zu beschäftigen?

Dr. Janosch Schobin: Dieser Typus Vereinsamter - der sich zurückgezogen hat - der hat sich vielleicht zu sehr mit den Vorteilen des Alleineins beschäftigt. Aber: kann man seine Bindungsbedürfnisse nach unten regulieren, also kann man tatsächlich weniger Bindung für notwendig erachten? Ich gehe davon aus, dass das nur begrenzt möglich ist.

Man kann natürlich die Qualität seiner Freizeit, die man alleine verbringt, verbessern, indem man irgendwie sinnvolle Dinge tut. Aber das Bindungsbedürfnis ist vermutlich etwas, das sich schon in der frühen Kindheit einpendelt. Und ich befürchte, da ist im hohen Alter nicht mehr viel dran zu machen. Es gehört wahrscheinlich zu den lebenslangen Konstanten, die dann sehr unflexibel werden.

Kann man Einsamkeit mit Alleinsein gleichsetzen? Oder gibt es auch Menschen, die Kontakte haben und trotzdem einsam sind?

Dr. Janosch Schobin: Ja. Die Frage ist immer, woran liegt das. Das eine ist: Was löst was aus? Das ist zum Beispiel schon schwierig. Es gibt den Spruch von Goethe "Wer sich der Einsamkeit ergibt, Ach! der ist bald allein.". In der Romantik hat man immer geglaubt, es geht so rum: erst empfinden Leute Einsamkeit. Damals war das etwas Positives: Man beschäftigt sich mit sich, man hat Kontakt zum Absoluten, man kommt in die Nähe seines eigenen Genies, man entfaltet sich. Und wer das zu viel tat, der stand dann auch bald alleine da.

Es gab schon recht früh die Idee, dass Einsamkeit auch soziale Isolation auslöst. Und gerade in Europa ist das ja auch plausibel: wenn Einsamkeit stigmatisiert, dann führt natürlich das Faktum, dass ich einsam bin auch dazu, dass sich Leute von mir abgrenzen. Das heißt, da ist Einsamkeit der Grund, warum man hinterher isoliert ist. Andersrum ist das aber auch relativ klar. Wenn wir Leute sozialer Isolation aussetzen, beispielsweise in Isolationshaft, dann vereinsamen sie auch ganz schnell. Das heißt, in die Richtung geht das auch. Vereinsamung und Einsamkeit bedingen sich und verstärken sich gegenseitig.

Wie kann man einsamen Menschen helfen?

Dr. Janosch Schobin: Die Schwierigkeit wird dabei sicherlich darin bestehen, erst mal von dem Helfen wegzukommen, sondern zu verstehen, warum ist der einsam und wie kann ich auf die Person zugehen. Wenn das jetzt jemand ist, der eine starke Rückzugskarriere gemacht hat, muss ich davon ausgehen, dass der auch gute Gründe hat, mir erstmal zu misstrauen. Es wird die große Schwierigkeit sein, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

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Unser Experte

Dr. Janosch Schobin
Universität Kassel
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
Lehrstuhl für Makrosoziologie

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Bei anderen Menschen, bei denen klar ist, woran es liegt und es ist nicht zu ändern, also beispielsweise der Partner ist gestorben, dann kann man natürlich für Ablenkung sorgen. Man kann nicht wirklich etwas dagegen tun, dass diese Person einsam ist, denn man kann nicht die Person sein, die man sein sollte, damit die Einsamkeit aufhört. Man kann aber dafür sorgen, dass es besser zu ertragen ist. Indem man diese Einsamkeit als etwas anerkennt, was diese Person aufwertet. Also die durchleidet da etwas und vollbringt dadurch eine menschliche Leistung. Und das kann man machen, also die Form der Anerkennung bringen, die Einsame häufig nicht bekommen.

Sendung: hr4, Britta am Vormittag, 20.11.2018, 10:00 Uhr

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