Wolf - Gehegeaufnahme im Tierpark Weilburg

Halter von Weidetieren demonstrieren heute vor dem Landtag in Wiesbaden. Sie sagen: Es ist fünf nach zwölf für den Schutz der Weidetiere. Wir haben mit vier Experten über das Thema "Wölfe in Hessen" gesprochen. Hier finden Sie ihre Positionen.

Burkhard Ernst vom Hessischen Verband für Schafzucht und Schafhaltung e. V. - Deshalb demonstrieren wir

Weidetierhalter sind die ersten, die mit dem Wolf Konflikte haben. Für uns ist es fünf nach 12, weil im Vorfeld Maßnahmen wichtig werden, wenn man eine Ko-Existenz schaffen möchte, Wir erwarten von der Politik, dass Maßnahmenpläne festgeklopft und Förderungen ausgesprochen werden. Das ist bisher noch nicht in dem Maß passiert, dass wir sagen können: Ja, damit können wir arbeiten, damit können wir die Zukunft der Betriebe gestalten. Wir wünschen uns, dass man mit uns abklärt, welche Maßnahmen praktikabel umsetzbar sind und welche Auswirkungen sie haben. Zum Beispiel: Betriebe, die im Moment 500 Schafe betreuen und dann auf einmal nur noch 300 betreuen können, haben natürlich eine geringere Effizienz und verlieren ihre Wertschöpfung. Das muss wirtschaftlich ausgeglichen werden.

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„Um sagen zu können, wir können mit dem Wolf leben, brauchen wir finanzielle Unterstützung - auch für Kleinschafhalter.“ Zitat von Burkhard Ernst
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Noch ein Beispiel, die Zäune: Es ist ein Unterschied, ob ich Schafe einzäune oder ob ich einen Wolf auszäune. Ein weiteres Beispiel sind die Hütehunde: Wir halten im Moment sieben Herdenschutzhunde. Alleine die Unterhaltungskosten liegen bei 1.500 bis 2.000 Euro pro Herdenschutzhund pro Jahr.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Interview mit Burkhardt Ernst

Wolf
Ende des Audiobeitrags

Auch Kleinschafhalter leisten in der hessischen Kulturlandschaft einen maßgeblichen Beitrag für die Artenvielfalt. Es muss ein Maß gefunden werden – entweder über die Fläche oder pro Kopf – durch das der zusätzliche Aufwand ausgeglichen werden kann. Und wir brauchen Regelungen, was passiert, wenn übergriffige Wölfe nicht mehr zu handeln sind und da sagen wir ganz klar: dann muss entnommen werden.

Thomas Norgall, Wolfsexperte beim BUND Hessen - Das tut das Land, um dem Wolf zu helfen

Der Wolf benötigt keine aktiven Schutzmaßnahmen in der Natur. Da es heute viel mehr Wild als früher gibt, kommt er in der Kulturlandschaft gut zu zurecht. Die größte Gefahr für den Wolf ist der Autoverkehr und gegen den Unfalltod ist ein flächendeckender Schutz nicht möglich.

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„Der BUND fordert deshalb, die Wiedereinführung der Weidetierprämie und die Kostenübernahme durch den Staat - für alle Aufwendungen, die durch den nun nötigen aufwändigeren Herdenschutz entstehen.“ Zitat von Thomas Norgall
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Die Sorge der Bauern ist verständlich, denn Wölfe reißen nicht nur Rehe, sondern auch immer wieder einmal Schafe. Das Problem sind Wölfe, die gelernt haben, wie leicht sich ein Schaf im Vergleich zum Reh erbeuten lässt. Damit dieser Lernvorgang möglichst nicht auftritt, ist der Herdenschutz wichtig. Ein junger Wolf, der bei seiner ersten Berührung eines Zauns um eine Schafherde einen ordentlichen Stromstoß bekommt, lernt, dass Schafe Schmerz bedeuten. Ein Wolf, der den Zaun ohne Stromschlag überwindet, lernt hingegen, dass Schafe eine leichte Beute sind. Ganz wichtig ist also der Herdenschutz.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Interview mit Thomas Norgall

Ein Wolfswelpe mit einem erbeuteten Knochen.
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Was die  Maßnahmen angeht, die das Land den Nutztierhaltern anbietet ist Hessen auf dem richtigen Weg. Das zentrale Problem jeder Schafhaltung in Deutschland ist die Wirtschaftlichkeit. Hessen zahlt immerhin schon höhere Vergütungen für die Beweidung von Naturschutzgebieten, die ohne Schafe ihren Wert verlieren würden. Außerdem soll die Weidetierprämie eingeführt und ein Ausgleich für Nutztierrisse eingeführt werden. Die Maßnahmen müssen nun schnell kommen. Schäfer und Schäferinnen müssen erleben, dass sie mit den Problemen nicht alleingelassen werden. Wichtig ist auch eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit, denn die Angst vor dem Wolf ist immer noch weitverbreitet, obwohl sie eigentlich unnötig ist.

Theodor Arendt vom Forstamt in Wolfhagen - So hilft der Wolf im Wald

Wir müssen gerade einen massiven Artenschwund erfahren. Und jetzt ist da plötzlich der Wolf - mit all den Problemen. Der Wolf an sich ist ein Highlight, ein großer Beutegreifer – und ein Zeichen dafür, dass nicht alles in unseren Breiten schlechter wird. Im Wald erkennen wir über die Jahre eine Verbesserung des ökologischen Zustands. Der Wolf hat dabei die Funktion eines jeden Beutegreifers. Er hält die Populationen fit. Diese Tiere machen einen wichtigen Job und sorgen für ein gewisses Gleichgewicht, indem sie die Schwachen und Kranken, die sonst Seuchen hervorbringen würden, fangen. Ein Beutegreifer muss sich immer an den schwachen oder alten Tieren orientieren, weil die am bequemsten zu fangen sind.

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„Gerade in dieser Not-Zeit, in der wir den Wald momentan erleben müssen, sind wir dringend auf eine natürliche Verjüngung des Waldes angewiesen. Jeder Verbündete in diesem Zusammenhang wird natürlich dankbar aufgenommen.“ Zitat von Theodor Arendt
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Der Wolf erfüllt so einen gewissen Job. Aber man sollte das angesichts der Populationsdichte auch nicht überbewerten. Wir haben in den Bundesländern im Osten - die größere, weitere und  offenere Bereiche haben, Bundeswehr-Übungsflächen zum Beispiel - sogar Wolfsrudel. In unseren Breiten ist die Gefahr, dass sich hier ein Wolfsrudel etabliert, relativ gering.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Interview mit Theodor Arendt

Ein Wolf (Canis lupus), aufgenommen im Tier-Freigelände im Nationalpark Bayerischer Wald bei Neuschönau.
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Das schlechte Image des Wolfes  ist historisch bedingt. Aber da kann nichts passieren. Ein gesunder, wilder Wolf meidet den Menschen. Anders ist es bei einem aus dem Tierpark ausgebüxten Tier, das schon mal gefüttert worden ist, den Menschen und die bequeme Nahrungsversorgung sucht und so ein Problem werden kann.  

Madeleine Martin, Landestierschutzbeauftragte - So kann man Weidetiere vor Wölfen schützen

Die Regionen, in denen der Wolf unterwegs ist, haben Wolfsmanagementpläne. Die haben sehr viel über Wölfe geforscht und forschen auch noch. Zum Beispiel das Futter, das Verhalten - zum Beispiel, wie sich Wölfe gegenüber Menschen verhalten. Das ist das, was getan wird.

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„Es gibt nahezu kein Bundesland mehr, das die Weidetierhalter nicht auch finanziell unterstützt. Das geschieht in verschiedenen Maßnahmen, zum Beispiel beim Zaunbau. Sogar die Anschaffung von Herdenschutzhunden wird finanziell unterstützt.“ Zitat von Madeleine Martin
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Korrekte Einzäunungen sind der einfachste Schutz - zum Beispiel ein Elektrozaun mit mindestens 2.000 Volt, mit mindestens fünf Litzen oder auch Netzen und vor allem an vier Seiten geschlossen. Doch der wird von vielen Tierhaltern bis heute nicht eingehalten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Interview mit Madleine Martin

Ein mit Schnee bedecktes Schaf blickt in Oberbeisheim über einen Zaun.
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Wir haben in der Vergangenheit Fälle gehabt, und zwar speziell mit Wölfen, wo einfach nur an drei Seiten eingezäunt war. Der beste Elektrozaun bringt überhaupt nichts, wenn er nicht funktioniert. Das bedeutet wiederum, dass der Zaun täglich kontrolliert werden muss und dass der Tierhalter täglich nach den Tieren schauen muss.

Weitere Informationen

Info-Broschüre

Hier finden Sie die Infobroschüre "Der Wolf - zurück in Hessen?" des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie.

Ende der weiteren Informationen

Die Herdenschutzhunde bringen sehr viel. Das sind sehr hoch spezialisierte Hunde, die ihren Ursprung in ganz bestimmten Regionen der Welt haben. Charakteristisch für diese Regionen sind: es ist nicht das Rhein-Main-Gebiet und es gibt auch keine Spaziergänger. Denn diese Hunde sind hochprotektiv und sehr schwer zu führen. Besitzer brauchen eine enorme Sachkunde, die ein durchschnittlicher Tierhalter nicht hat. Die Tiere wachsen praktisch in der Schafherde auf, bleiben dort und verteidigen vollkommen auf sich selbst gestellt, die Herde oder erschreckenden den Wolf ab.

Sendung: hr4, hr4 - Mein Morgen in Hessen, 15.01.2020, 06:00 Uhr

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