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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Fulle Fischer im Interview

Fulle Fischer bei hr4

Marcus C. Leitschuh ist Religionslehrer, Autor und Kommunalpolitiker. In der "fünften Jahreszeit" schlüpft er in eine andere Rolle: die des "Fulle Fischers". In dieser Rolle ist er einer der Stars der nordhessischen Fastnacht. Mit kurzer Hose und Gummistiefeln blickt er kritisch aufs letzte Jahr zurück.

Was ist die genaue Rolle des "Fulle Fischers"?

Ich bin ja politischer Büttenredner, der Protokoller sagt man dazu. Offiziell, weil ich das vortrage, was politisch und gesellschaftlich im Jahr davor passiert ist. Das ist eine dieser vielen Traditionen im Karneval, weil man damit das Vereinsleben ein bisschen aufs Korn nehmen wollte damit. Da wird ja auch am Anfang der Sitzung der Jahreshauptversammlung das Protokoll des letzten Jahres noch mal verlesen, und daher kommt meine Rolle. In meinem Fall aber nicht im schwarzen Anzug, wie das oft üblich ist, sondern mit kurzer Hose und Gummistiefel und dann geht's los als "Fulle Fischer".

Wie sind Sie zum Karneval gekommen und zum "Fulle Fischer" geworden?

Im Karneval bin ich tatsächlich mit 10 Jahren zum ersten Mal in der Bütt gewesen. Meine damalige Rede war "Mein Papa als Koch". Das ist so eine typische Kinder-Standardrede. Man erzählt, was der Papa in der Küche alles falsch macht. Und ich erinnere mich noch in der Grundschule, wenn am Rosenmontag andere Topfschlagen spielen wollten, haben wir unsere Tische zusammengeschoben und ich habe den Elferrat aufgebaut. Es gibt leider keine Fotos davon. Ich weiß auch nicht, was meine Mitschüler da empfunden haben. Es muss ihnen SEHR fremd vorgekommen sein. (lacht)

Mit einer Rede aus einem Buch hatte Sie auch mal ein besonderes Erlebnis ...

Als klassischer Redner macht man verschiedene Erfahrungen. Eine Erfahrung ist natürlich, dass man sich eine Rede aus einem Buch herauskopiert hat, auf eine Sitzung kommt und dann merkt, hups, im Programm vor mir ist die Rede schon einmal gehalten worden. Das gibt natürlich dann ein Problem. Spätestens da habe ich gemerkt: "Nein, jetzt löst Du Dich von den Büchern." Heute kann man auch Reden im Internet kaufen, aber auch da ist die Gefahr da.

Ich habe dann ziemlich schnell gesagt: "Nein, ich schreibe meine Reden selbst!" Durch mehrere Zufälle bin ich dann eben auf das Politische gekommen, weil das auch eine Marktlücke ist. Es gibt sehr wenige, die sich trauen über Politik, über Kirche, über Kultur eine Rede zu halten. Und so entstand der "Fulle Fischer", der das ganze Jahr über an der Fulda steht, angelt und dabei die Welt beobachtet und viel Zeit zum Nachdenken hat. So kam's dann zu der kurzen Hose und den Gummistiefeln.

Fulle Fischer bei hr4

Nicht jeder traut sich, politische Büttenreden zu halten, Sie schon. Hatten Sie da anfangs Berührungsängste? Oder hilft es Ihnen sogar, da sie ja selbst ehremamtlicher Politiker sind?

Ich bin in Kassel in der Kommunalpolitik für die CDU-Fraktion tätig. Böse Zungen behaupten, da übt man natürlich auch Büttenreden zu halten, wenn man eine Rede hält. Aber Demokratie ist halt vielfältig. Nein, natürlich möchte ich ausgewogen sein. Und der "Fulle Fischer" ist ganz strickt neutral. Da bekommt jeder etwas weg. Manchmal ist es so: Man lässt eine Partei gar nicht erst vorkommen. DAS ist für die natürlich viel problematischer, als sie negativ zu erwähnen. Alle wollen eigentlich in so einem Protokoll erwähnt werden.

Bei der Büttenrede kommt es darauf an, dass alle mitlachen können. Sie sollen das nicht missbrauchen. Die Bütt kommt ja ursprünglich aus der Tradition, dass man einmal im Jahr ein umgedrehtes Weinfass genommen und den Bürgern gesagt hat, ihr dürft jetzt dem Herrscher mal eure Meinung sagen. Und das hat man sicherlich so gemacht, dass man hinterher nicht einen Kopf kürzer gemacht wurde, weil es zu kritisch war. Sondern schon so, dass alle mitlachen konnten und das ist auch mein Anspruch heute. Alle, die erwähnt werden, sollen schmunzeln, ins Nachdenken gebracht werden, weil sie wissen ja auch, der Begriff Unterhaltung kommt von Haltung. Und ein Büttenredner muss auch Haltung zeigen!

Welche drei "goldenen Regeln" würde Sie jemand geben, um auch Büttenrednerin oder -redner zu werden?

Punkt 1: Frag Dich, hast Du wirklich Lust, 15 Minuten alleine vor 150 bis hin zu 1 Million Zuschauern im Fernsehen zu stehen? Macht Dir das wirklich Spaß oder bist Du zu nervös? Wenn Sie meine Familie fragen würden, ich habe auch Büttenreden schon Zuhause gehalten. Schon mit 6, 7 Jahren habe ich Texte abgelesen und hab' die "Rampensau" Zuhause gegeben. Sie müssen also Spaß daran haben.

Zweitens: Sie müssen etwas zu sagen haben. Es bringt nichts, gelangweilt irgendwo zu stehen und irgendwas abzulesen, wo Sie nicht hinterstehen. Und auch wenn es eine komödiantische Büttenrede ist, müssen Sie den Leuten vermitteln: Ich möchte Euch unterhalten! Ich möchte Euch einfach Spaß machen! Dafür müssen Sie glühen.

Und drittens: Sie brauchen Talent. Und Sie müssen wissen, dass Talent nicht nur vom Himmel fällt, sondern da muss man dran arbeiten. So eine Rede braucht Zeit, da muss man um jeden Vers ringen, Sätze wieder streichen. Man muss bereit sein, 70 % der Rede wegzuwerfen, vielleicht weil man nach einer Generalprobe merkt, das kommt nicht an.

Und auch nicht denken: "Ich bin der Superstar! Im letzten Jahr haben alle gejubelt, also bin ich dieses Jahr wieder super." Nein, das ist jedes Jahr ein neuer Kampf. Und Sie müssen auch bereit sein, wenn Sie eine Veranstaltung haben, die Rede auf den Ort umzuschreiben, Namen auszutauschen. Im Extremfall ist es bei mir so, dass ich auf dem Weg zur Bühne noch Dinge ändere, weil mir was aufgefallen ist, was vor mir dran war, was lustig war. Oder eben auch dieses Aufgreifen von Dingen im Saal, da müssen Sie einfach Spaß daran haben. Und wenn Sie Spaß haben, können Sie auch Spaß machen!

Fulle Fischer bei hr4

Den "Fulle Fischer" machen Sie nun schon seit 18 Jahren, wäre da nicht langsam mal Zeit für was Neues?

Ich versuche das. Ich habe immer schon mal andere Rollen angenommen. Wir haben auch Veranstaltungen, die erwarten, dass man was Neues macht. Danach sagen dann alle: "Ja, war ganz schön, aber wo war denn der 'Fulle Fischer'?"

Das ist ja dann auch eine riesige Auszeichnung. Es gibt Menschen in Kassel, die sprechen mit "Guten Tag, Herr 'Fulle Fischer'" an, die wissen gar nicht, wie ich heiße, aber sie kennen die Rolle. Das ist ja eigentlich der Traum eines jeden Künstlers, dass man beispielsweise weiß, wer Udo Jürgens ist, aber nicht weiß, dass er in Wahrheit Jürgen Udo Bockelmann hieß.

Also deshalb ist das schon eine große Auszeichnung, der "Fulle Fischer" zu sein, aber auch eine Verantwortung. Es ist allerdings tatsächlich so: Im Sommer sitze ich vor einem leeren Blatt Papier und fange an zu schreiben und denke: "Nein, so gut wie im letzten Jahr wird das nicht. Dir fällt nichts ein." Dann braucht es Wochen und Monate bis zum 11.11. und spätestens zur Aufzeichnung von "Nordhessen feiert Karneval" für das hr-fernsehen, dass ich das Gefühl habe, jetzt ist alles rund. Trotzdem gehen Sie auf die Bühne und wissen nicht, wie es ankommt.

Stimmt es, dass es in Nordhessen einen Mangel an Büttenrednern gibt?

Der Schwerpunkt in Nordhessen ist ganz klar Tanz: Showtanz, Männerballette und auch im Tanzsport haben ja Tänzerinnen und Tänzer aus der Region schon Erfolge gefeiert. Redner sind hier eher rar, man hat halt weniger Auftrittsmöglichkeiten. In einem normalen Karnevalsverein hat man ein bis zwei Veranstaltungen und noch ein bis zwei Altenheime und dann ist der Markt quasi schon gesättigt. Das ärgert vielleicht viele oder sie sagen, für zwei Auftritte pro Jahr nehme ich die Arbeit des Schreibens nicht auf mich. Im Süden haben sie an einem Abend mehrere Auftritte und kriegen teilweise auch noch etwas Geld dafür. Das ist hier nicht so.

Würden Sie sich mehr Auftritte wünschen?

Der "Fulle Fischer" kann nur aus Nordhessen berichten und er möchte auch nur aus Nordhessen berichten. Und ich mache auch lieber nur fünf oder zehn Auftritte pro Saison als jeden Abend zehn.

Sendung: hr4, hr4 - Mein Morgen in Hessen, 18.02.2020, 06:00 Uhr

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