Howard Carpendale

Normale Menschen hören Musik, Howard Carpendale hört Farben. Im Interview mit hr4 hat er erklärt, mit welcher Farbe er die Massen begeistert.

Das neue Album

Anke Oldewage: Sie sind ja immer wieder für Überraschungen gut. Auch ihr neues Album ist stilistisch überraschend – von rockig bis bluesig, weniger schmusig – wollten Sie gezielt etwas neues machen, sich neu erfinden?

Howard Carpendale: Je älter man wird, muss man einfach mit der Zeit gehen. Und ich glaube, es wäre ein bisschen komisch, wenn ich heute Spuren im Sand suchen würde. Das ist nicht mein Ding. Ich will authentisch sein. […]Ich habe auch das Gefühl, dass meine – wenn ich das so sagen darf – meine Stimme besser denn je klingt. […]“ Es ist sehr modern geworden. Vor allem die Texte. Die sind für mein Gefühl sehr, sehr auf heute. Dieses Album fühlt sich an wie heute. Heute ist eine unglaublich wichtige Zeit in der wir leben. Es gibt viele schlimme Dinge über die man berichten kann und es gibt noch Hoffnung. Ich möchte diese Themen einfach besingen.

Anke Oldewage: Wie schwierig ist es – nach über 700 Songs immer noch etwas Neues zu erzählen?

Howard Carpendale: Nicht so besonders, weil die Welt verändert sich immer und man muss sich erkennen: wo stehen wir heute. Worüber will ich singen und was bewegt mich heute. Und ich glaube, da haben wir ein paar sehr schöne Nummern gefunden in diese Richtung.

Ein Blick auf 50 Jahre Karriere

Anke Oldewage: 50 Jahre im Musikgeschäft. Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Howard Carpendale: Nein, nicht in dieser Form. Wer 50 Jahre in dieser Branche überlebt, da kann man nur von Schwein reden. Es ist eine Menge harter Arbeit gewesen. Ich stelle mir vor, dass mir, als ich zwei drei Hits gehabt habe, jemand gesagt hätte: Weißt du dass du in 50 Jahre noch Konzerte geben wirst? Da hätte ich ihm gesagt, du bist bescheuert, das gibt es nicht.

Anke Oldewage: Gibt es einen schönsten, einen besonderen Moment in so einer langen Karriere, an den man sich heute noch erinnert?

Howard Carpendale: Ist paradox, aber mein schönstes Konzert war am 13. Dezember 2003, als ich wirklich geglaubt habe, ich verabschiede mich von der Bühne. Das war das einzige Mal, wo es mir gelungen ist. Es gab ein perfektes Konzert. An diesem Tag habe ich sehr viel improvisiert, was die Leute sehr bewegt hat. Das kann man in meinem Video sehen, wo eine halbe Stunde nachdem das Konzert vorbei war, immer noch vier- bis fünftausend Menschen da standen und auf die Bühne geguckt haben. Das war ein sehr, sehr bewegender Moment. Tut mir leid, dass ich die wieder zurückgerufen habe, aber ich musste das machen.

Das Comeback

Anke Oldewage: Ich wollte sie auf das Thema Comeback gar nicht ansprechen. Aber Sie haben das perfekte Konzert und gehen dann doch wieder auf die Bühne.

Howard Carpendale: Ich hab für zwei, drei Jahre erlebt, was es heißt, morgens aufzuwachen und keine großen Ziele zu haben. Und natürlich, die Ziele, die man im Showbusiness kennt, die sind schon größer als Briefmarken zu sammeln. Es ist eine Form von Relevanz, die brauche ich. Ich muss einfach dabei sein. Und habe gedacht, ich brauch es nicht, aber ich hab es gebraucht. Ich habe auch niemandem geschadet, dass ich zurückgekommen bin.

Anke Oldewage: "Unter einem Himmel" - Sie haben mal gesagt, das sei der schönste Song, den Sie je gesungen haben. Was macht diesen Song so besonders?

Howard Carpendale: Ein richtiger Hit. Der Text, diese Nummer, die Melodie sowieso. Die Melodie ist wahnsinnig eingängig, aber trotzdem nicht einfach. Die ist nicht zickig. Die ist poppig. Und dann einen Text wie „Unter einem Himmel“. Ein Künstler singt einen Text, wo es anfängt mit: "Diese ganze Welt unter einem Himmel. Dazu passiert das Gleiche in einer Stadt, es passiert das Gleiche unter einem Dach." Dieses ganze Großbild, verkleinert auf ein Kleinbild. Da fühlt sich jeder angesprochen.

Musik und Farbe

Anke Oldewage: Sie sind Synästhetiker, das heißt, Sie können mehrere Sinne miteinander koppeln. Es gibt Menschen, die zum Beispiel bei bestimmten Temperaturen Farben erkennen. Was koppelt sich da bei Ihnen?

Howard Carpendale: Musik und Farben. Ich höre meine Musik in Farben. Das hat mir immer gut beigestanden über die Jahre, weil es gibt gewisse Farben die sehr positiv sind und andere, die nicht so toll sind.

Anke Oldewage: Inwieweit hilft Ihnen diese besondere Gabe bei Ihrer Musik?

Howard Carpendale: Einfach zu erkennen ob das ein Lied ist, das unter Melancholie fällt oder es ein gelber Strahl von Fröhlichkeit ist. Es gibt einfach Farben, die Massen von Menschen mehr ansprechen.

Anke Oldewage: Welche Farbe sehen Sie, wo Sie genau wissen, das funktioniert.

Howard Carpendale: Das ist auf jeden Fall in die bläuliche Familie.

Anke Oldewage: Und was ist Blues?

Howard Carpendale: Blues ist dunkelblau. (lacht)

Sendung: hr4, hr4 - Mein Morgen in Hessen, 29.10.2020, 06:00 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit